Bertha-Pappenheim-Preis 2024

In diesem Jahr wurde auf der DGTD Tagung in Berlin der Bertha-Pappenheim-Preis vom 1. Vorsitzenden der DGTD, Herrn Dr. med. Harald Schickedanz an Frau Prof. Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner überreicht. In einer Laudatio würdigte er Frau Gahleitner für Ihre Verdienste.
 
Die DGTD verleiht den Bertha-Pappenheim-Preis, der mit 500 € dotiert ist, in unregelmäßigen Abständen an Menschen, die sich besonders verdient gemacht haben. Bisherige Preisträgerinnen sind: Prof. Dr. med. Luise Reddemann (2007), Dipl. Psych. Michaela Huber (2011) und PD Dr. med. Ursula Gast (2017).

Gerne möchten wir an dieser Stelle auch auf die 2021 gegründete Bertha-Pappenheim-Stiftung hinweisen: www.stiftung-pappenheim.de

Verleihung des Bertha-Pappenheim-Preises an Frau Prof. Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner.
 

Bertha-Pappenheim-Preis
der deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation

Alle Preisträgerinnen haben sich außerordentlich für die Erforschung und das Verständnis von den Folgen schwerer Traumatisierungen und für die Behandlung komplex traumatisierter Menschen, vor allem Frauen, eingesetzt. Ihr Engagement und ihr Werk werden mit diesem Preis gewürdigt.

"Wenn wir den Lebenslauf dieser Frauen kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden. Dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann."

Die bedeutende Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes Bertha Pappenheim wurde am 27.02.1859 in Wien geboren, wo sie auch aufwuchs. Sie zog 1888 mit ihrer Mutter in deren Heimatstadt Frankfurt. In der jüdischen Gemeinde Frankfurts engagierte sie sich für die Emanzipation der Frau in der jüdischen Tradition. Sie entwickelte aus der traditionellen Armenpflege eine professionelle Sozialarbeit, kämpfte für die Rechte der Frauen, gegen Mädchenhandel und Mädchenhändler. Auch übersetzte sie bedeutende Schriften aus der jiddischen Literatur, u.a. die "Memoiren der Glückel von Hameln", die eine entfernte Verwandte von ihr ist. Sie veröffentlichte verschiedene phantasievolle Geschichten für Kinder und politische Schriften. 1895 wurde sie Heimleiterin im jüdischen Mädchen-Waisenhaus in Frankfurt, gründete 1902 den Israelitischen Mädchenclub und 1904 den Jüdischen Frauenbund, der als Dachverband alle bestehenden jüdischen Frauenvereine in Deutschland in sich vereinte. Ende der 20er Jahre umfasste er 50.000 Mitglieder. 1907 wurde das Heim für gefährdete Mädchen und nichteheliche Mütter in Neu-Isenburg bei Frankfurt eröffnet. Einen Großteil ihres Vermögens spendete sie der Sozialarbeit. Seit 1917 war sie führende Mitarbeiterin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Bertha Pappenheim unternahm Reisen nach Galizien und in den Nahen Osten, auf denen sie sich über die dortige Lage der jüdischen Bevölkerung informierte und darüber Berichte veröffentlichte. Ganz besonders interessierte sie sich für die Situation der Frauen. Schon 1901 hatte sie an einer Konferenz zum Thema Mädchenhandel teilgenommen, und 1923 wandte sich der Jüdische Frauenbund im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution an den Völkerbund.

Wie der Biograph Freuds Ernest Jones 1953 herausfand, war Bertha Pappenheim eine Patientin des Wiener Arztes Josef Breuer, der sie wegen Halluzinationen, Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen in Behandlung nahm. Diese Symptome entwickelten sich, als Bertha Pappenheim ihren Vater pflegte, der erkrankte, als sie 21 Jahre alt war. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Behandlung veröffentlichte Breuer gemeinsam mit seinem Assistenten Sigmund Freud 1895 die "Studien über Hysterie". Bertha Pappenheim ging als die "Patientin Anna O." in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Sie entdeckte die "talking cure" und die "kathartischen Methode", die Freud von ihr für psychotherapeutische Behandlungen übernahm.

Sie hat nie öffentlich über ihre Krankheit und Behandlung gesprochen. Die Krankengeschichte der Anna O. ist eine der ersten, in der eine komplexe dissoziative Störung beschrieben und veröffentlicht wurde. Sie war eine starke Frau, die sowohl gesellschaftlich für die Situation von jüdischen Mädchen und Frauen viel in Bewegung setzte als auch die Geschichte der Psychotherapie entscheidend beeinflusste. Durch den Bertha-Pappenheim-Preis soll die Erinnerung an diese großartige Frau erhalten bleiben.